Sonja Duó-Meyer // KeramikSonja Duó-Meyer // Keramik

ZEIGEN UND BEWAHREN Kunsthalle Wil


So gegensätzlich die aktuellen Werke von Sonja Duò-Meyer strukturiert sind – sie haben sehr viel miteinander zu tun und stehen in einem engen Dialog zueinander. Die linearen Wandarbeiten und die vom Boden aufstrebenden Gefässplastiken teilen nicht nur ihr Material Porzellan, sondern sie bestehen sichtbar oder nicht mehr erkennbar aus der selben Ausgangsform: aus dickeren und dünneren Tonwülsten. Einzig bei zwei schwarzen Henkelgefässen sind beide Elemente, Körper und Linie, anschaulich vereint. Ein Grund, weshalb Sonja Duò-Meyer mit Keramik arbeitet, liegt im expressiven Reichtum des Materials, seiner Fähigkeit, die Spuren der formgebenden Finger aufzunehmen, den unerschöpflichen Möglichkeiten, die immer wieder zu finden sind. Dabei ist es für sie von Bedeutung, mit welchem Material und der notwendigen Hingabe eine Geschichte erzählt oder eine Empfindung kommuniziert wird, um jemanden dafür zu fesseln. Die Beherrschung des Handwerklichen wird nie zum “Virtuosenstück”, sie dient als notwendige Grundlage, um der persönlichen Intention und Vorstellung Gestalt geben zu können.

Wie sich ein einzelner Bleistiftstrich durch dichte Aneinanderreihung zur strukturierten Fläche verdichtet, baut Sonja Duò-Meyer ihre Gefässkörper aus dünnen Tonschnüren auf. Das ist eine klassische Aufbautechnik, die weit in prähistorische Zeiten zurückweist und den Werken in der besonderen Formgebung eine ursprüngliche, archaische Ausstrahlung verleiht. Die eigenhändige Arbeit am weichen Porzellan, die Spuren der aufbauenden und glättenden Finger sind entscheidend, denn wie könnten sonst die “geistigen Wahrheiten” im verwendeten Material sichtbar und wirksam werden? Die im sanften Licht zu vibrieren scheinenden Oberflächen der Gefässlaibungen lässt eine impressionistische Vision erleben. Der Entstehungsprozess bleibt nachvollziehbar und gibt den Körpervolumen etwas Gewachsenes. Die im weissen Porzellan erkennbaren Schichten erzählen als Sedimente gelebter Zeit vom langsamen Werden der Form. Kein anderes Medium vermag unsere Lebensspur, die wir auf unserem Planeten Erde hinterlassen, inhaltlich und formal wie hier durch Fingerabdrücke so ideal zu veranschaulichen. Zusätzlich ist es ein Material mit einem extremen Vorher und Nachher. Der Brennprozess verändert nicht nur drastisch die Natur des Materials, sondern generiert eine Vielzahl von inhaltlichen Aspekten zur Metamorphose. Er ersetzt die Jahrmillionen, während denen die Sauriertrittsiegel im Lehm als Versteinerung konserviert wurden. Die Ästhetik des matten, naturbelassenen, weissen oder schwarz engobierten Porzellans stellt keinen Selbstzweck dar, sondern dient als Instrument, um eine bildhauerische Idee lebendig zu gestalten. Durch die Offenlegung materialimmanenter Inhalte und das Erscheinen des Körperhaften, die zum persönlichen Vokabular von Sonja Duò-Meyer gehören, vermag sie uns ihr Erleben auszudrücken. Das Geheimnis der grossen ein- bis dreiteiligen Gefässplastiken liegt in den sanften Schwüngen der Silhouette, der leichten Verschiebung der Körpersymmetrie sowie der subtilen, bewegten Gestaltung der Grate und Mündungen, die bewirken, dass die an sich ruhenden Formen eine atmende Dynamik erhalten. Ihre spröde Sinnlichkeit ist Ausdruck der individuellen Lebensnähe, der Lebenswärme. Beharrlichkeit, eine selbstkritische Haltung, Stetigkeit in der Arbeit sowie die natürlichen Formen und deren Charakter behutsam wandelnde und intensivierende Differenzierung des über die Jahre Geschaffenen haben die Gefässe zu einer überzeugenden plastischen Wirkung gebracht. Sie stehen da, als ob sie schon immer da gewesen wären, in einer Selbstverständlichkeit, wie sie eben nur ein ausgereiftes, aus einem inneren Bedürfnis entstandenes Kunstwerk ausstrahlen kann. Die Aura dieser Plastiken, die dem Material und seiner besonderen Formung entspringt, evoziert Gefässe als Behausung für die Seelen der Ahnen sowie Aschenurnen längst vergangener Kulturen. Grosse, offene Schalen bringen das Element Wasser und die damit verbundenen Rituale, metaphorisch in die Ausstellung ein. Es sind Werke unserer Zeit, die die Gegenwart mit der Vergangenheit, die greifbare mit der imaginären Welt vereinen. Sie laden ein zu Stille und Meditation, sie sind offen, um von unseren Gedanken, Wünschen und Sehnsüchten gefüllt zu werden.

Die linear bestimmten zu Gruppen angeordneten Wandarbeiten verhalten sich zu den Raum umschliessenden und sich im Raum ausdehnenden Gefässplastiken, wie die zeichenhaft sprechenden Hände und Finger zu einer zurückhaltenden Körpersprache des Menschen. Aneinandergereihte Tonwülste strecken sich wie Fühler von der Wand in den Raum vor, wie Antennen sind sie auf Empfang eingestellt. Bei anderen Objekten bilden die Porzellanschnüre flache Knäuel von sich suchend ineinander schlingenden Linien und einzelnen sich aus dem Gewirr hinausschlängelnden oder gestisch ausgreifenden Teilen. In variantenreichen Gestaltungen können die Tonwülste, die auch zur Verdichtung von Volumen dienen, als Knoten, Geflecht, Wickel oder zum “Seilstück” zusammengedreht ein lebendiges Eigenleben entfalten. Eine Gruppe von zeigerartigen Wandobjekten weist in alle Richtungen, die unterschiedliche Uhrzeit der verschiedenen Weltgegenden paraphrasierend. Die linear betonten Objekte offenbaren eine spielerische Experimentierfreude, die dem Spontanen mehr Raum lässt als die zur Verinnerlichung tendierenden Körpervolumen. In ihrem Zusammenklang zeigen sie die künstlerischen Möglichkeiten auf, wie mit demselben Material und demselben Grundelement ganz unterschiedliche und sich doch ergänzende Ausdrucksformen formuliert werden können.

Die Werke von Sonja Duò-Meyer haben nichts Aufgeregtes, ganz im Gegenteil: Dem Wesen der Künstlerin entspricht die Ruhe, mit der sie sich der Arbeit und deren Details zuwendet, abwägend und sorgfältig gestaltet. Diese machen das Licht zum Komplizen, um die in ihrer Gestalt angelegte Bewegung und die von ihnen ausgehende Bewegtheit offenzulegen. Farbliche und formale Reduktion bedeutet für das Schaffen von Sonja Duò-Meyer Konzentration auf jene Intensität, die aus Objekten sprechende Kunstwerke macht. Dabei nimmt sie die Möglichkeit wahr, mit den geheimnisvollen im Menschlichen verankerten Quellen in Kontakt zu kommen, aus denen jede Zeit gespeist wird.

Frank Nievergelt