Sonja Duó-Meyer // KeramikSonja Duó-Meyer // Keramik

art station Neue Objekte


Sonja Duò-Meyer – Neue Objekte

Seit den frühen Siebzigerjahren entwickelt Sonja Duò-Meyer mit grosser
Konsequenz ein äusserst eigenständiges Werk aus Porzellan. Aus der Bandbreite der Tonerden konzentriert sie sich auf die
helle, edlere, eher weiche Variante, welche aus einem bestimmtem Mischungsverhältnis aus Kaolin (Porzellanerde),
Feldspat und Quarz besteht. Die Künstlerin verwendet das Porzellan skulptural und malerisch. Den expressiven Reichtum
des keramischen Materials, seine Fähigkeit, die Spuren der formgebenden Finger aufzunehmen sowie seine unerschöpflichen
Möglichkeiten, setzt sie bewusst ein. Zuweilen sucht sie auch, an die Grenzen des Materials zu gehen; so wenn sie bei
den in freier Handaufbautechnik geschaffenen hohen, unglasierten Gefässen das Porzellan bis an seine Grenzen ausdehnt.

Die Beherrschung des Handwerklichen dient als notwendige Grundlage, um der persönlichen Idee oder der Imagination
Gestalt zu geben. Aus dünneren und dickeren Tonwülsten formt Sonja Duò- Meyer bald schwarz engobierte Gefässe, bald
weisse, matte, naturbelassene Objekte in einer reduzierten Formsprache, welche vielfach zu abstrakten Konfigurationen
tendiert. Die linearen, schlaufenförmigen und floralen Wandreliefs und kringelartigen Wandobjekte sind zu Gruppen
arrangiert. Die schlaufenförmigen Arbeiten führt Sonja Duò-Meyer zum paradoxen Verhältnis von visueller Darstellung und
Leere. Dabei geht es um die Bedeutung der Leere im Objekt, um die Darstellung von Zwischenräumen und schliesslich um die
Entstehung von konkreten Formen aus Leerstellen. Die Wandobjekte kommunizieren mit den grossen, ein- bis zweiteiligen
Gefässplastiken. Ihr Geheimnis liegt in den sanften Schwüngen der Silhouette, der leichten Verschiebung der
Körpersymmetrie, sowie der subtilen, bewegten Gestaltung der Grate und Mündungen. Auf diese Weise entsteht der Eindruck,
dass die in sich ruhenden Formen eine atmende Dynamik erhalten. Die Plastiken sind auf ganz klassische Weise aufgebaut.
Damit weisen sie nicht nur ins Altertum, sondern weit in prähistorische Zeiten zurück, was den Objekten eine
ursprüngliche, archaische Ausstrahlung verleiht. Dieser Aspekt wird noch durch den Brennprozess verstärkt, der sowohl
die Natur des Materials drastisch verändert, als auch metamorphotische Prozesse sichtbar werden lässt.

Geformt zum Gefäss diente der Ton nahezu allen frühen Kulturen als Behälter nicht nur für flüssige und feste Nahrung, sondern auch
für Opfergaben und heilende Substanzen. Schätze wurden in Gefässen gehortet, und in einer Reihe von Brunnenskulpturen
symbolisieren die Gefässe als Attribut der Flussgötter die Ursprünge der grossen Flüsse. Weibliche Akte als
Wasserträgerinnen mit meist breiten rundlichen Wasserkrügen verweisen unmittelbar auf die archetypische Entsprechung der
Frau mit einer Vase.

Abgesehen von den hohen Gefässen sind die Objekte von Sonja Duò-Meyer klein bis mittelgross, wobei
die Künstlerin bei öffentlichen Aufträgen das beschauliche Mass der Porzellankunst verlässt. So fand sie zu formaler
Überdimensioniertheit durch eine Zusammenarbeit mit dem Architekten Peter Zumthor. Im Jahr 2003 konnte sie nämlich das
Foyer und den Speisesaal der Therme Vals mit mehrteiligen Keramikobjekten ausstatten und 2011 eine 37-teilige florale
Wandarbeit installieren, die sich nach der Passerelle vor dem Badeingang befindet. Grossmassstäblich arbeitete sie auch
für den Andachtsraum der Klinik Aarreha in Bad Schinznach, den sie im Jahr 2001 gestaltete.

Oribe-Stil

Von einer bestechenden Schönheit sind die weissen, einfachen Gefässe mit leuchtend roten und schwarzen Ornamenten.
Dieses leuchtende Rot, das Sonja Duò-Meyer ohne Glasur direkt auf das Porzellan aufträgt, geht auf traditionelle
japanische Keramikgegenstände zurück. Die Künstlerin verwendet es seit ihrem zweimonatigen Aufenthalt im japanischen
Tajimi anfangs 2008. Da weilte sie als «Artist in Residence» aufgrund des 7. Internationalen Keramikwettbewerbs 2005 in
der japanischen Stadt Mino, wo sie für ihre Wandinstallation «25 gordische Knoten» prämiert wurde. Während zwei Monaten
wurde ihr ein Atelier zur Verfügung gestellt. Allerdings war sie verpflichtet, ihren Stage mit einer Ausstellung im Mino
Museum of Modern Ceramic Art in Tajimi (der Provinz Gifu) abzuschliessen. Während dieses, ihres Aufenthaltes stand ihr
ein Sensei, ein Meister, zur Seite. Unter seiner inspirierenden Aufsicht konnte sie aus einer Reihe von Porzellansorten
die geeignete aussuchen; auch führte er sie in die raffinierten Brennverfahren und Glasurtechniken ein. Gleichzeitig
erwarteten ihre Gastgeber, dass etwas von der japanischen Keramikkultur in ihre Arbeit einfliessen sollte, was in der
Folgezeit wie von selbst geschah.

Die «Ballerinas», Tischchen ähnliche Objekte mit vier schwarzen, gedrechselten
Beinchen, sind vom Oribe-Stil inspiriert. Während das Motiv der Beinchen aus dem älteren Werk stammt, ist die formal
verzogene Schale dem Oribe-Stil verpflichtet. Benannt ist er nach dem Samurai und Teemeister Furuta Oribe (1544-1615),
der die Keramikkunst erneuerte. Zur Zeit von Furuta Oribe war ein zurückhaltender, fast rustikaler Stil vorherrschend.
Die Keramiken hingegen, die Furuta Oribe kreierte, waren dagegen völlig anders; zunächst sind sie wesentlich mehr von
der Glasur und vom Dekor bestimmt als damals üblich war. Der Ton der Oribe-Keramik wird nahezu durchgehend von deckenden
Glasuren verborgen und tritt entsprechend wenig selbst in Erscheinung. Charakteristisch sind neben der schiefen,
verzogenen Formung starke Farbkontraste mit braunen oder schwarzen Eisenoxydpigmenten oder mit dunkelgrüner Kupferglasur
auf dunkelroter Töpferarbeit. Auch dominieren Zeichnungen, die ins Abstrakte gehen. Die geometrischen oder floralen
Muster sind knapp und schwungvoll angedeutet. Das Verzogene, Unperfekte und das Deformierte der Keramik entsprach im
Grunde einer gesellschaftlichen Entwicklung der Zeit. In der Kaichô-Ära (1596 – 1619) entstand eine Untergrundbewegung
der unteren Volksschichten, die als Kabuki bezeichnet wurde. Kabuki ist abgeleitet vom Verb kabuku, was sich neigen,
heruntersinken oder ruinieren bedeutet. Die Leute des Kabuki waren Protagonisten einer Subkultur, die Ausschweifungen
und Vergnügungen liebten und die strenge gesellschaftliche Norm verachteten. Aus dieser Subkultur entstand eine neue
Kultur der unteren Volksschichten, welche die Kultur des Schwertadels radikal ablehnte. Man denke nur an die Theaterform
des Kabuki, die sich bewusst vom vornehmen, traditionellen Nô-Theater des Adels absetzt, dessen Inhalt meist alten
Legenden entnommen ist und den Einfluss des Zen-Buddhismus widerspiegelt.

Das Motiv der verzogenen, flachen Gefässe
findet sich immer wieder im Werk von Sonja Duò-Meyer; so, in den neuen schalenartigen Objekten mit ebenen oder gewellten
Innenböden, die Landschaften und / oder Frauenkörper imaginieren. Je nach Lichtquelle werden Schatten erzeugt und
sprechen von einem bewegten Innenleben.

Neben den japanisierenden Objekten sind auch etwas ältere Werke ausgestellt, so
lineare Wandreliefs und kompakte Wandobjekte. Wenn die Porzellanschnüre und -wülste nicht für den Aufbau der Gefässe
verwendet werden, wie dies traditionellerweise der Fall ist, hat sie die Künstlerin zu Knäueln verdichtet oder zu
Kompositionen mit ineinander angeordneten schwarzen oder weissen, bewegten Schlaufenformen gestaltet. Dann wieder
überraschen uns kleinere oder grössere florale Gebilde, die mit der Anmutung eines Zeichenstifts ausgebildet sind. Auch
scheinen sie sich durch den Lichteinfall dauernd zu verändern und somit ein animistisches Leben zu atmen. Dieser
Eindruck wird besonders durch den Lichteinfall auf die an der Wand befestigten Geflechte hervorgerufen, die sich dadurch
dauernd verändern. Die Oberflächen erzeugen ein raffiniertes Licht- und Schattenspiel und scheinen zu vibrieren. So
machen sie aus den Gefässen sprechende Kunstwerke.

Was das Werk von Sonja Duò-Meyer durchwegs auszeichnet, ist ihre
meditative Arbeitsweise, welche sich in einer kontinuierlichen Entwicklung manifestiert. Sie zeitigt klare, elementare
Formen und subtile Variationen. In ihrer formalen und farblichen Reduktion gewinnen sie jene Kraft, die dem Archaischen
innewohnt.

Dominique von Burg, 24. März 2011